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Buchmesse 2014: Zwischen Faszination und vertanen Chancen

Lesezelt auf der Frankfurter Buchmesse 2014

 

Daniel liebt nach eigenen Angaben Bücher. Es ist unser Azubi zum Medienkaufmann und 21 Jahre alt. Zur Buchmesse 2014 nehme ich ihn mit, damit er die „große Welt“ der Bücher kennenlernt. Es ist sein erster Besuch der Buchmesse. Auf der Autofahrt von Köln nach Frankfurt erinnere ich mich an meine erste Buchmesse.

Das war vor 36 Jahren im Jahr 1978. Ich war 24 Jahre alt und hatte soeben unseren Verlag gegründet. Ein Jahr später, 1979, stellten wir dann zum ersten Mal auf der Frankfurter Buchmesse aus. Ich liebte damals auch Bücher. So wie ich es heute auch noch tue. Nur mit anderer Sichtweise.

Azubi Daniel ist von der Frankfurter Buchmesse 2014 fasziniert

Azubi Daniel ist von der Frankfurter Buchmesse 2014 fasziniert und fotografiert fleißig

Meine Erinnerung an den ersten Besuch: Erschlagen von der Vielfalt der Bücher. Fasziniert von der Branche. Betört von der umtriebigen Atmosphäre. Und am Abend dann total erschöpft.

Es folgten über 20 aufregende Ausstellerjahre in Frankfurt.

Als Verlag stellen wir nunmehr seit vielen Jahren nicht mehr auf der Buchmesse aus. Das lohnt sich einfach nicht für unseren kleinen Verlag. Aber ich komme hierhin regelmäßig als Besucher zurück. Auch dieses Mal: Ein wunderbares Gefühl in die Buchwelt einzutauchen. Irgendwie vertraut und heimisch für mich.

Ich habe Termine auf der Buchmesse. Treffe mich mit alten oder neuen Geschäftspartnern. Teils in freundschaftlicher Erinnerung an alte Zeiten, teils um über eine neue Zusammenarbeit zu reden.

Außenbereich Frankfurter Buchmesse 2014

Der Außenbereich der Frankfurter Buchmesse 2014 bei mäßigem Wetter

Vieles ist wie immer

Was mir auffällt und mich auch irgendwie wundert: Es hat sich nichts verändert. So gut wie gar nichts. Bei einigen Verlagen ist das Stand-Design moderner geworden. Es gibt auch Promoter auf der Messe, die Abos werben. Das gab es lange Zeit nicht.

Das Standard-Standsystem, das die Verlage als Aussteller buchen können, ist fast gleich geblieben. So sieht es in vielen Gängen immer noch so aus wie früher. Und ein Verlag ist an den anderen gereiht. In den oft kleinen Ständen werden auf Regalen akurat aufgestellte Bücher präsentiert. Oftmals sitzt im Stand ein etwas gelangweilt dreinblickender Verleger. Oder jemand aus dem Verlagsteam. Alles sehr wenig dynamisch. Die ganze Messe wirkt recht statisch. Und das obwohl es jede Menge Veranstaltungen und Prominentenbesuche gibt. Fernsehen, Hörfunk und unendlich viele Printmedien berichten. Auch Digitalmedien wie Blogs und Web-Magazine.

Ein Buch ist ein unendlich tolles Produkt. Bücher können den Alltag vergessen machen. Sie führen einen in neue Welten. Sie sind entspannend. Oder aufregend. Ratgeberbücher helfen. Fachbücher lassen einen den Job gut machen. Kinderbücher bewegen. Reiseführer zeigen Unbekanntes auf. Fotobände kommunizieren den Moment. Alles in allem bedeutet ein Buch, gleich ob Ficton oder Non-Fiction, jede Menge Emotionen. Einen Mehrwert an Gefühlen für den Leser.

Doch die Branche: langweilig. So wie immer. Buch an Buch. Bis auf wenige Ausnahmen kaum Emotionen.

Viel zu wenige Gefühle

Man kann einwenden, dass es bei der Buchmesse um Geschäfte rund ums Buch geht. Und nicht um das Buch selbst. Deshalb sei Tamtam nicht notwendig. Oder emotionale Inszenierungen. Aber auch beim Geschäft im B2B-Bereich geht es um Emotionen. Nur mit guten Gefühlen macht man auch gute Geschäfte. Das wissen Markenmacher aus anderen Branchen schon seit Ewigkeiten.

Ich vergleiche die Frankfurter Buchmesse gerne mit der Internationalen Tourismusbörse (ITB), die jährlich in Berlin stattfindet. Es ist die weltgrößte Tourismusmesse. Dort geht es ums Reisen. Was ist eigentlich reisen? Man fährt von A nach B. Und wohnt in einem (Hotel-)Zimmer mit vier Wänden und einem Bett. Aber die Tourismusbranche mit den im Verhältnis zum Buch doch recht einfachen Produkten produziert sich nicht als „Von-A-nach-B-Fahrer“ oder als „4-Wände-Vermarkter“. Das tolle Erlebnis steht beim Tourismus-Marketing im Vordergrund. Das was man erlebt. Die schönen Eindrücke. Die tollen Ereignisse. Das was man sieht, spürt, fühlt. Einfach Emotionen über Emotionen.

Nur ganz wenige Verlage haben es verstanden, ihr physikalisches Medienprodukt „Buch“ so zu vermarkten, dass der Leser in die Welt seiner Gefühle geführt wird. Schade eigentlich für so eine tolle Branche.

Workshop auf Buchmesse 2014

Das ist gut: Auf der Buchmesse 2014 gibt es jede Menge Möglichkeiten der Diskussion und Fortbildung

 

Die Zukunft ist jetzt

Und die Welt der Digitalisierung. Vielen altgedienten Verlegern und Verlagsmitarbeitern sieht man die Panik in den Augen, wenn es um die Frage nach der Zukunft geht. Die gesamte Medienwelt ist im Umbruch. Das spürt man auch in den Buchverlagen. Doch haben es dort alle verstanden? Das Internet kam Mitte der 1990er Jahre in Schwung. Ein alter Hut. Da sollte man im Jahr 2014 nicht über Zukunftsstragien diskutieren, in Seminaren Zukunftsszenarien entwickeln. Die sollten schon längst da sein. Schon längst umgesetzt. Bei vielen Verlagen ist davon wenig zu spüren. Andere machen es ausgezeichnet. Entwickeln Formen, um Inhalte digital zu vermarkten. Bauen ihre IT-Abteilungen aus, arbeiten mit kreativen Software-Entwicklern zusammen.

Es geht nämlich nicht nur um das E-Book. Das ist ja eigentlich nichts anderes als ein gedrucktes Buch, das die Möglichkeiten der digitalen Darstellung und Bearbeitung nutzt. Es geht in Zukunft darum, dass sich das Medienverhalten grundsätzlich ändert. Unser Azubi Daniel beispielsweise mag zwar Bücher, aber konsumiert diese fast nur im Bereich von Fiktion. Alle anderen Informationen nutzt er auf anderen Kanälen.

Die Buchbranche ruht noch immer zu sehr

So wird die Zukunft der (Buch-)Verlage nicht nur davon abhängen, ob es ihnen gelingt, ihre Inhalte in diversen Kanäle zu vermarkten. Sondern eher darum, welche Bündlungskompetenz sie für die vielen Kanäle entwickeln. Facebook kann jeder. Ein E-Book zu schreiben und veröffentlichen kann auch jeder. Bloggen kann jeder. Apps entwickeln auch. Aber das alles unter einem Marken-Dach zusammenzufassen, das können nur Organisationen wie beispielsweise Verlage.

Ken Follet auf der Frankfurter Buchmesse

Star-Autor Ken Follet signiert auf der Frankfurter Buchmesse 2014. Er ist einer von vielen Prominenten, die Leben und Farbe auf die Buchmesse bringen

So ist das auch mit dem Self-Publishing. Ich habe in den letzten 36 Jahren sehr viele technische Umbrüche erlebt. Erst ging es um das Ende des Bleisatzes. Satz- und Druckmaschinen wurden zu Schrott. Dann kamen drei Generationen von Fotosatzmaschinen. Und elektronische Bildverarbeitung (EBV). Desktop-Publishing (DTP) Anfang der 1990er Jahre war ein erster Schritt, die technische Seite der Verlegerei zu vereinfachen und somit Einstiegsschwellen für Newcomer zu überwinden. Mittlerweile kann jeder Bücher umbrechen und gestalten. Natürlich mehr oder wenig gut. Aber jedermann kann es ohne große Investitionen.

Der Zugang zum Medium Buch ist durch die digitalen Möglichkeiten grundsätzlich demokratischer geworden

Jede Autorin, jeder Autor kann im Jahr 2014 nicht nur sein eigenes Buch verfassen, sondern auch produzieren und dank digitaler Kanäle auch selbst vermarkten. Auf jeden Fall theoretisch. Ob es dann auch genügend Leserinnen und Leser findet, ist eine andere Frage. Getreu dem Motto „Schreiben und produzieren kann jeder, nur lesen will es keiner“. Es gibt aber viele Beispiele erfolgreicher „Self-Publisher“. Heißt das, dass Buchverlage mega-out sind? Wohl kaum. Aber sie sollten anders sein als bisher. Anders arbeiten, sich anders positionieren.

Und davon merkt man auf der diesjährigen Buchmesse meiner Einschätzung leider zu wenig. Die alten Geschäftsmodelle scheinen noch irgendwie zu funktionieren. Die Buchbranche ruht noch in sich. Aber jedes Jahr ohne deutliche Veränderung ist ein verlorenes Jahr für Verlage und Bücher. Und das ist schade.

Daniel Driever und Ertay Hayit

Selfie von Daniel Driever und Ertay Hayit nach einem langen Buchmessen-Tag

Am Ende meines Besuchertages auf der Frankfurter Buchmesse mache ich noch ein Selfie mit unserem Azubi Daniel. Und wäre ich nicht noch Geschäftsführer einer Marketing-Agentur: Ich könnte mich auch in der Ruhe und teilweisen Selbstgefälligkeit der Büchermacher verlieren. Das wäre irgendwie gemütlich. Mein Gefühl ist aber, dass die Branche so wie sie sich auf der Buchmesse 2014 präsentiert, irgendwie ihre vielen Chancen, die sie definitiv hat, verspielt.

Dem 21-jährigen Daniel geht es am Abend auf der Heimfahrt wie mir vor 36 Jahren nach meinem ersten Buchmessen-Besuch. Er ist voller neuer Eindrücke, fasziniert, aber auch sehr erschöpft. So reden wir im Auto kaum. Erst als wir in Köln den Rhein und den Dom erblicken, singen wir kölsche Lieder. Und freuen uns über unseren Besuch auf der Frankfurter Buchmesse.

Interessante Links zur Frankfurter Buchmesse 2014:

Ertay Hayit

Autor: Ertay Hayit

Ertay Hayit, Jahrgang 1954, studierte Kommunikationswissenschaften. Er ist Journalist, Verleger und Geschäftsführer einer Werbeagentur und PR-Agentur in Köln. Mehrere hundert Sach- und Ratgeberbücher hat er als Herausgeber oder Verleger betreut. Ungezählt seine Artikel und Beiträge für Zeitschriften oder in den letzten 15 Jahren für Webmagazine. Als Chefredakteur und Verleger betreut er unter anderem diverse Internet-Magazine.

3 Kommentare

  1. Interessante Impressionen und Gedanken. Vieles ist richtig, einiges eher etwas polemisch emotional. Aber ok..Aber in einem stimme ich Dir zu.
    Viele von uns sind stehen geblieben. Wir reden noch immer über Lektoren statt über Produktmanager, wir sprechen immer noch über das schöne Buch statt über einen Kundenmehrwert, einem Erlebnis (welcher Kunde überhaupt?). Und ich selber will ehrlich gesagt auch nicht den ganzen Schrott der selbstpublizierende, unqualifizierten e-Books lesen. Dafür gibt es und gab es Verlage, die es verstehen einen Mehrwert zu generieren, zu modellieren, zu strukturieren.
    Ja, Du hast recht, viele sitzen von uns immer noch da und warten auf den Leser und den Bestseller. Ihre einziger Vertriebsweg der stationäre Buchhandel ist längst weg und Amazon und Co diktieren den Markt der Backlist. Dies ist ja mehr als weltfremd. Aldi Süd macht mehr Umsatz mit non Food als die gesamte Buchbranche, weil die wissen wo Ihre Kunden sind und was die brauchen. That its.
    Aber ich respektiere auch alle die, die Bücher machen, weil sie eine Mission oder Passion haben. Go for it, aber jammert nicht, wenn nix übrig bleibt für Euch zum Leben und keine Socke Eure Bücher kauft und schimpft nicht über die böse digitale Welt, die entwickelt sich mit oder ohne Euch.
    Die Reise geht definitv digital, wir sind voll in der Konsolidierung und Bereinigung des tradierten Business. Wer sich nicht differenziert, fasziniert, einen Mehrwert liefert, hat verloren. Ob als Buchverlag oder als Self Publisher, da zahlt keine Socke mehr für Content.
    In diesem Sinne auf alle Freigeister und Träumer und an alle Professionells im Business
    Und Grüße an Deinen Azubi: think digital (!) und nimm Print mit

  2. Hallo Ertay,

    ich habe es genossen, dass Du durch diesen Artikel mal wieder mit mir durch die Buchmesse geschlendert bist. Wie in alten Zeiten halt.
    Sehen wir uns auch irgendwann in natura? In Erlangen zum Beispiel – da wohne ich seit Kurzem in einem Paradies mit Hund und Katze, vielen Äpfeln und einem Adam.

    Herzliche Grüße
    Helga

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