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Sylvia Lott: Die Glücksschreiberin aus dem Ammerland

Sylvia Lott Romanautorin

Sylvia Lott ist promovierte Kommunikationswissenschaftlerin, renommierte Journalistin und lebt und arbeitet jetzt als Romanautorin in Hamburg (Foto: Daniel Culmann)

Ein Interview mit der Roman-Autorin Sylvia Lott

Wie Sie Buchautorin wurde. Wie man davon leben kann. Über Self-Publishing, Literatur-Agenten und Autorenlesungen. Und über das Freud und das Leid einer Autorin.

Mit Sylvia Lott habe ich in Münster Publizistik studiert. Im Laufe eines langen publizistischen Berufslebens haben sich unsere Kreise immer wieder einmal getroffen. Gemeinsam ist uns die Leidenschaft für Medien. Vor einiger Zeit hat sich Sylvia dann als Romanautorin neu positioniert. Aus meiner Sicht ein mutiger und gleichsam faszinierender Schritt.

Ich dachte mir, vielleicht möchten auch andere wissen, wie so etwas geht und was man dabei erlebt, wenn man AutorIn wird. Mit Sylvia habe ich ein langes Interview geführt. Es ist auch deshalb so lesenswert, weil Sylvia sehr offen über ihre Arbeit als Autorin spricht.

Sylvia, was bedeuten Bücher für dich?
Unentbehrliche Lebensmittel. Freunde in guten und schlechten Zeiten. Lebensbegleiter.

Du bist viele Jahre als Journalistin und Redakteurin tätig gewesen. Woher kam nun die Inspiration, Bücher zu schreiben?
Ich wollte schon immer Bücher schreiben. Schon als ich mit fünf Jahren in meinem Heimatort Augustfehn (Ammerland) auf der Brücke stand und sehnsüchtig den Autos mit auswärtigen Kennzeichen hinterher geschaut habe. Ich wollte in die Ferne und darüber berichten. Später habe ich dann gemerkt, dass es nicht so einfach ist, einfach mal ein Buch zu schreiben. Aber da man das Schreiben ja lernen kann, indem man Journalist wird, habe ich zunächst diesen Weg gewählt und bei der Nordwest-Zeitung volontiert.

Wie kam es zur praktischen Umsetzung? Wie wurdest du Buchautorin?
Nach meiner Doktorarbeit habe ich als Trainee bei Gruner und Jahr angefangen. Dort konnte ich dann erste Erfahrungen sammeln, als ich ein Buch über „100 Jahre Brigitte“ schreiben durfte, was mir viel Spaß gemacht hat.

„Bei den meisten Belletristik-Autoren
gibt es ja einen persönlichen Auslöser“

Danach war ich viele Jahre als Reiseredakteurin unterwegs. Bei den meisten Belletristik-Autoren gibt es ja einen persönlichen Auslöser, der zum Romanschreiben geführt hat. Das war bei mir auch so. Als ich mit Mitte 30 das Scheitern meiner Ehe verarbeiteten musste, habe ich mir Notizen über Erlebnisse und Gefühle gemacht. Jahre später entstand daraus mein erster Roman (, der so nie erschienen ist).

Aber ich habe dann einen ähnlichen Roman über eine Liebesgeschichte verschiedenen Verlag angeboten, mein Manuskript landete auch bei „Hoffmann und Campe“. Als die Lektorin mein Manuskript ablehnte, empfahl sie mir im gleichen Atemzug meine zukünftige erste Agentin Nadja Kossack – heute führt ihr Mann Lars Schulze-Kossack die „Literarische Agentur Kossack“ in Hamburg. Während die Agentur sich bemühte, meinen Erstling unterzubringen erhielt sie eine Anfrage des „Moments-Verlages“ (Area), der Liebesromane von deutschen Autoren suchte. Unterhaltsam und locker sollten die sein, und ich hab laut „hier“ gerufen.

„Ich war erstmal bedient“

Der Plot wurde mir vorgegeben: Er sollte von einer Piratentochter in der Südsee handeln, die auf einen Zeitreisenden trifft. Da ich als Reisejournalistin sowohl auf Hawaii als auch in Australien gewesen war, hatte ich schon Kartons voll mit Hintergrundinfos. So entstand unter dem Pseudonym Tammy Lincoln „Die Freibeuterin und der Schatztaucher“. Der Roman verkaufte sich gut, auch der Erstling wurde schließlich an einen Verlag verkauft. Der wollte allerdings eine Menge Veränderungen, ich hab sie brav gemacht, aber irgendwie war das nicht mehr richtig mein Buch. Das Cover war grauenvoll, der Verlag so klein, dass der Roman es nicht bis in die Buchhandlungen schaffte. Und ich war erstmal bedient.

Zwei Jahre lang ruhten meine schriftstellerischen Ambitionen, Dann fing es wieder an zu kribbeln. Ich bat die beiden Kossacks um ein Treffen und sagte: Wie ist es, wollen wir noch mal richtig durchstarten? Was muss ich tun, wenn ich auf die Stapeltische von Thalia will?

Cover Die Rose von DarjeelingWir bestimmten einige Eckpfeiler, ich machte erstmal grobe Ideen-Vorschläge. Erzählte auch von meiner Heimat Ammerland, dem Zentrum der Rhododendron-Zucht, und dem Teetrinker-Land Ostfriesland. Wir waren uns schnell einig, dass man daraus was machen könnte.

Der Norden hatte sich zu der Zeit zur Krimi-Szene entwickelt. Es hat mich immer geärgert, wenn ich, Entspannung suchend, durch die wunderbare Landschaft spaziert bin, und auf einmal vor meinem geistigen Auge Leichenteile aus diesen Krimis herumliegen gesehen habe. Für mich war klar, dass diese Gegend mehr zu bieten und romantisches Potenzial hat, vor allem während der Zeit der Rhododendron-Blüte. Ich dachte, in dieser Umgebung muss einfach mal eine Liebesgeschichte spielen. Meinem Agenten gefiel die Idee, und weil  zu dieser Zeit „Love and Landscape“ sehr gefragt war, riet er mir, eine zunächst nur als Hintergrund geplante Geschichte in Darjeeling und Sikkim größer als zweiten Erzählstrang in den Plot einzubauen.

Cover Die Glücksbäckerin von Long IslandDie Agentur bot das Exposé erfolgreich meinem heutigen Hausverlag Blanvalet an. So kam es, dass ich über einen Rhodo-Züchter schrieb, der im Himalaya nach neuen Pflanzen-Samen sucht. Sein bester Freund, ein ostfriesischer Teezüchter geht mit ihm auf die Expedition, und beide verlieben sich in die gleiche Frau – Kathryn, die Tochter eines englischen Teegartenbesitzers. Der Roman hat sich ganz gut verkauft und der nächste folgte.

In „Die Glücksbäckerin von Long Island“ habe ich meine ostfriesische Familiengeschichte mit der Erfindung des Cheesecake New York Style im New York der 1930er Jahre und dem Leben in den Hamptons kombiniert.  Davon ist gerade die vierte Auflage (seit Erscheinen im September 2014) ausgeliefert worden.

War es schwierig einen Agenten zu finden?
In meinem Fall war es relativ einfach, weil mir meine erste Agentin Nadja Kossack damals empfohlen wurde und wir uns auch gleich sympathisch waren. Die Agentur befand sich sogar nur zwei Straßen von meiner Wohnung entfernt. Allerdings habe ich die Agentur vor einem Jahr gewechselt. Ich hatte das Gefühl, dass es zu diesem Zeitpunkt frischen Wind in die Sache bringen könnte, die Agentur zu wechseln. Meine aktuelle Agentin Petra Hermanns von der Frankfurter „scripts for sale Medienagentur“ hat mich bisher sehr gut vermittelt.

Was für eine Bedeutung hat dein Agent für dich?
Agenten verhandeln die Vertragsbedingungen mit den Verlagen. Wenn der Agent gut ist, können sich da auch nach Abzug seiner Provision wirtschaftliche Vorteile für einen Autor ergeben. Außerdem kennen Agenten sich viel besser mit den juristischen Finessen und Sonderkonditionen aus, sollten sie jedenfalls. Darüber hinaus hat es auch immense Vorteile beim Entwickeln des Plots. Dein Agent weiß im besten Falle, was aktuell gefragt ist, dadurch kann er dich entsprechend beraten und mit dir am Exposé feilen.

Würdest du anderen Autoren empfehlen, mit Agenten zusammenzuarbeiten?
Auf jeden Fall, vor allem als Romanautor. Es sei denn, man hat den Wunsch, als Self-Publisher zu arbeiten.

    Auch Recherche kann Spaß machen: Sylvia Lott unterwegs (Foto: Daniel Culmann)

Auch Recherche kann Spaß machen: Sylvia Lott unterwegs (Foto: Daniel Culmann)

Ist Self-Publishing eine Option für dich?
Ich habe es einmal versucht. Ich habe damals den Kluntje-Verlag gegründet, der zwei kleine Bücher mit Kindheitserinnerungen herausgebracht hat. Diesen Verlag zu gründen, war sehr aufwendig – herausgekommen sind letzten Endes nur zwei postkartengroße Büchlein, die ich natürlich sehr liebe.

Nicht das Schreiben und Layouten war das Problem. Sondern dieser grauenvolle bürokratische Kram! Anmeldungen, Verzeichnisse, Lieferscheine, Abrechnungen und Kennnummern, all das füllte schnell zwei große Aktenordner. Wirtschaftlich hat es sich letzten Endes auch nicht wirklich gelohnt.

Es gibt allerdings auch sehr viele erfolgreiche Self-Publisher…
Ja, das stimmt. Ich kenne auch ein paar DeLiA-Kollegen (von der Vereinigung deutschsprachiger Liebesroman-Autorinnen und -Autoren), die damit sehr erfolgreich sind. Wenn man es richtig macht, kann sich ein auf diesem Weg veröffentlichtes Buch lukrativ verkaufen. Für mich ist das nach meinen Erfahrungen allerdings keine Option mehr. Ich habe mir zu Kluntje-Zeiten mal selbst eine Postkarte geschrieben, auf der stand: „Heute war ich Autorin, Grafikerin, Sekretärin, Herstellerin, Putzfrau, Verlegerin und Buchhalterin in einer Person – ich habe mein erstes E-Book bei Amazon eingestellt.“ Seitdem weiss ich viel mehr zu schätzen, was ein Verlag für einen Autor leistet.

„Man kann es schaffen,
wenn man nur nicht aufgibt“

Was für Vorteile siehst du in deiner Mitgliedschaft bei DeLiA?
Insbesondere zu der Zeit, als ich noch hauptberuflich als Journalistin gearbeitet habe, war es sehr hilfreich, mit Kolleginnen zu sprechen, die diese schwierige Anfangsphase eines Autorenlebens nachvollziehen konnten. Es ist einfach ein furchtbares Gefühl, wenn einem der Postbote schon wieder ein abgelehntes Manuskript nach Hause bringt. Durch den Austausch mit meinen Kolleginnen wurde ich wieder motiviert, auch wenn ich ganz unten war. Ich habe da viele Beispiele gesehen, die zeigten, dass man es schaffen kann, wenn man nur nicht aufgibt.

„Wenn der finanzielle Druck nicht wäre,
wäre es der schönste Job auf Erden“

Würdest du das auch einem Nachwuchsautor raten – dranbleiben, nicht aufgeben?
Ich glaube, es ist wie mit dem Kinderkriegen: Wenn man vorher gewusst hätte, was auf einen zukommt, dann hätte man sich das Ganze vielleicht noch mal überlegt. Es ist ein sehr brutales Geschäft und leider wird viel mit den Träumen der Menschen gespielt. Man braucht als Autor viele Jahre, um zu verstehen, wie alles zusammenhängt und wie der Markt funktioniert. Die Meisten haben die Tendenz, zu blauäuig an das Business ranzugehen. Aber: Wenn der finanzielle Druck nicht wäre, wäre es der schönste Job auf Erden.

Wie sieht es mit deinem Selbstbild aus? Siehst du dich mehr als Journalistin oder als Autorin?
Ich fühle mich hauptberuflich als Autorin, aber bin natürlich auch Journalistin so wie ich Schütze-Geborene bin. Der Journalismus hat sich leider in den letzten Jahren sehr verändert, so dass ich mich dort nicht mehr richtig zuhause fühle. Ob freiberuflich oder fest angestellt – die  Möglichkeiten für Journalisten haben sich meines Erachtens deutlich verschlechtert.

Es ist nicht mehr wie in den goldenen Zeiten, da hatte ich als freiberufliche Journalistin unheimlich tolle Jahre. Heute Hongkong fürs ADAC-Reisemagazin, morgen Wilder Westen für die ELLE, dann für den Feinschmecker nach Darjeeling, Norwegen oder Nordafrika, für die Maxi nach Maui oder Tasmanien… Man konnte sich wirklich die Rosinen herauspicken.

„Ich hatte schon viele schlaflose Nächte“

Zur Wirtschaftlichkeit: Wie lebt es sich als Buchautorin?
Es ist schon hart. Wenn man wirklich davon leben muss, dann sollte es man es sich dreimal überlegen. Ich hatte schon viele schlaflose Nächte, die wirtschaftliche Unsicherheit ist belastend. Und was die Honorare ganz allgemein betrifft: Die haben sich in den letzten Jahren nicht unbedingt zum Guten verändert.

Wie genau läuft das mit dem Honorar?
Also, bei mir läuft das meist so ab: Ich erhalte bei Vertragsunterzeichnung die erste Hälfte des Garantievorschusses. Die andere Hälfte bekomme ich dann, wenn ich das Manuskript abgeliefert habe. Nach Verkauf des Buchs erhalte ich anteilig ein weiteres Honorar, wenn die Verkaufszahlen eine bestimmte Höhe überschritten haben. Wenn man es dann auch noch schafft, Lizenzen ins Ausland zu verkaufen, wie bei mir für „Die Glücksbäckerin von Long Island“ nach Frankreich, dann gibt es zusätzlich Geld. Was noch dazu kommt: Man muss sich in Geduld üben. Der Verlag in Paris kann sich mit der Übersetzung und Veröffentlichung bis zu zwei Jahre Zeit lassen.

Neben dem Schreiben hältst du auch regelmäßig Lesungen ab. Wie kann man sich die Organisation einer Lesung vorstellen?
Am Anfang ist es noch ein wenig mühsam, vor allem wenn man seine Lesungen eigenständig organisiert. Es macht aber auf jeden Fall sehr viel Spaß. Meistens jedenfalls. Natürlich gibt es in den Verlagen auch eine Abteilung, die Lesungen organisiert, aber die kümmern sich oft schwerpunktmäßig um die Spitzenautoren. Meist erhält man eine gewisse Starthilfe, muss sich dann aber selbstständig um seine Lesungen kümmern.

Bei der „Rose von Darjeeling“ hatte ich mit der Deutschen Rhododendron-Gesellschaft und der Botanica Kontakt aufgenommen und gebeten, die Fakten des Buches gegenzuchecken. Der Leiter der Botanica war auch schon auf einer Exkursion im Himalaya gewesen, und zwar genau dort, wo das Buch spielt. Daraufhin haben wir eine kombinierte Premieren-Lesung abgehalten: Ich habe gelesen und er hat dazu Dias gezeigt. Als ich allerdings nach einem Honorar fragte, hat er nur lauthals gelacht.

Am Anfang gibt’s oft kein oder nur ein geringes Honorar, aber wenn es gut läuft, kommen zahlende Veranstalter sogar auf einen zu. Üblicherweise spricht der Verlag eine Buchhandlung vor Ort an, die bei der Lesung einen Büchertisch macht und den Roman verkauft. Der Verlag kümmert sich auch um Plakate und, wenn man es möchte, um die Verträge. Außerdem weist er im Internet auf die Lesung hin.

Inzwischen erhalte ich häufiger Anfragen von Organisatoren von Veranstaltungsreihen. Das freut mich, denn erstens ist da alles professionell organisiert und zweitens finden die es auch normal, dass Autoren für ihre Leistung bezahlt werden. Der Schriftsteller-Verband empfielt 300 Euro pro Lesung plus Spesen.

Lesung von Sylvia Lott

Sylvia Lott bei einer Lesung (Foto: Daniel Culmann )

Wie genau läuft eine Lesung bei dir ab?
Ich habe ein Grundprogramm, das ich den jeweiligen Lesungen anpassen kann. In der ersten Hälfte lese ich meist eine dreiviertel Stunde, in der zweiten Hälfte etwa 20 Minuten. Wichtig ist mir eine Pause von 15-20 Minuten, während der die Besucher ein Glas Wein oder einen Tee mit Gebäck, gern auch mal einen Cheesecake genießen können.

Während der Lesung erzähle ich auch kleine Anekdoten, etwas über die Inspiration oder Hintergründe für bestimmte Szenen oder über meinen Bezug zum Lesungsort. Das kommt immer ganz gut an.

Wie ist die Interaktion mit deinen Zuhörern?
Durch meine Lesungen habe ich sehr viel gelernt, denn die Stimmung im Raum gibt einem das erste Feedback. Wenn die Leute unruhig werden, weiß ich, dass sie diese Stelle langweilig finden. Daraus habe ich zum Beispiel gelernt, dass ich nicht so lange Beschreibungen vorlesen sollte. Lebendige Dialoge kommen immer gut an, alle sind froh, wenn sie lachen dürfen. Die Reaktionen helfen mir auch beim Schreiben des nächsten Buches.

In den Pausen oder nach der Lesung gibt es zudem ein direktes persönliches Feedback, etwa wenn mir Zuhörer erzählen, dass sie Ähnliches erlebt haben wie meine Romanhelden oder an bestimmten Stellen weinen mussten. Ich bin dann auch oft ergriffen, vor allem durch die Herzlichkeit.

Es ist ein ganz anderer Modus, ob du Journalistin bist oder Romanautorin. Als Journalistin war ich eher zynisch und misstrauisch. Um solche Romane zu schreiben, musste ich mein Herz öffnen. Das klingt ein bisschen kitschig, oder? Ist aber so. Eine wichtige Erkenntnis, die ich durch die Lesungen gewonnen habe, ist, dass die Menschen berührt werden wollen.

Sylvia-Kindergarten

Autorin Sylvia Lott besucht einen Kindergarten ( Foto: Daniel Culmann)

Hat dich das Schreiben von Romanen verändert?
Man muss, um ein Happy End zu kreieren, auch emotional durch viele Tiefpunkte gehen. Das ist mental sehr anstrengend. Neulich habe ich wieder für den „Bauer-Verlag“ eine Textchef-Vertretung gemacht. Wenn ich in der Redaktion bin, dann fühle ich mich geerdet, weil ich da eine Struktur und einen Alltag habe. Dann bin ich emotional sozusagen auf einem Normalnullpegel und die Ausschläge sind nicht so groß.

Wenn ich allerdings meine Romane schreibe, dann ist das Unglücklichsein, das Verzweifelte, Schwache und Ängstliche viel intensiver. Genauso verhält es sich aber auch mit den schönen, wunderbaren, überschwänglichen Gefühlen, ich erlebe alles viel stärker. Und das ist anstrengend. Letztens hat mich ein Freund gefragt, wie es mir gehe. Ich antwortete: „Ach, ich bin total erschöpft, ich bin gerade seit drei Tagen auf der Flucht durch den brasilianischen Regenwald.“ Daraufhin hat er laut gelacht und ich verstand im ersten Moment überhaupt nicht, warum.

„Das Grundgerüst muss stehen,
vorher fange ich nicht an zu schreiben“

Wenn du das berühmte weiße Blatt Papier vor dir hast, hast du die gesamte Story, den Regenwald, dann schon vor Augen?“
Bei meinem ersten Roman habe ich den Fehler gemacht, einfach drauflos zu schreiben. Ich dachte, ich bin doch Journalistin, ich weiß doch wie man schreibt. Und dann stand ich auf einmal vor dem Problem, dass ich nicht wusste, wie mein Roman enden sollte. Jetzt wo ich das professioneller angehe, nutze ich das verkaufte Exposé als eine Art Fachwerkhaus. Das Grundgerüst muss stehen, vorher fange ich nicht an zu schreiben. Aber ich lasse mir einige Freiheiten während des Schreibens, zum Beispiel wie groß ein Zimmer sein soll oder Ähnliches. Bei den Figuren stehen am Anfang nur die Grundzüge fest, die ausgebildeten Charaktereigenschaften entwickeln sich erst während des Schreibens.

Sylvia Lott auf Recherche-Reise in Leer

Sylvia Lott auf Recherche-Reise in Leer (Foto: Daniel Culmann)

Wie viel Zeit nimmt die Recherche in Anspruch?
Für „Die Rose von Darjeeling“ habe ich fast ein Jahr recherchiert. „Die Glücksbäckerin von Long Island“ hat etwa ein halbes Jahr Recherche in Anspruch genommen. Ich liebe diese Phase der Recherche. Bei meinem dritten Blanvalet-Roman „Die Lilie von Bela Vista“, der in Idar-ObDie Lilie von Bela Vistaerstein und Südbrasilien spielt (August 2015), komme ich zusammengerechnet auf gut fünf Monate Recherchezeit –  und zum Schreiben brauche ich natürlich immer noch mal mindestens genauso lange. Ich neige auch dazu, nicht ganz ehrlich zu mir zu sein, was den Zeitaufwand betrifft. Oft rechne ich Rückläufe von der Lektorin oder das Korrekturlesen der Fahnen nicht mit ein. Ich versuche momentan, die Zeit für Recherche  zu reduzieren.

Mein vierter Roman für Blanvalet, „Die Inselfrauen“ erscheint im Mai 2016, er spielt erstmals ausschließlich an einem Ort, auf der Insel Borkum – allerdings in verschiedenen Epochen, und dazu kann man natürlich auch wieder herrlich recherchieren!

Muss man promoviert haben, um Bücher zu schreiben?
Nein, natürlich nicht – es schadet eher. Man muss sich erst einmal den wissenschaftlichen Stil wieder abgewöhnen.

Wie lange am Tag schreibst du? Hast du ein Tagesvolumen?
Ja, ich habe ein Tagesvolumen. Ich rechne mir aus, wie viele Seiten ich mindestens schreiben muss. Es ist ja vertraglich festgelegt, wie lang der Roman in etwa werden soll. Aber es werden bei mir immer mehr Seiten als geplant, zum Beispiel deshalb, weil ich  hochinteressante Dinge recherchiert habe, die ich noch irgendwie elegant einfliessen lassen möchte. Wenn ich mein Pensum unter der Woche nicht schaffe, arbeite ich auch am Wochenende. Es ist zugegebenermaßen viel Selbstausbeutung dabei.

„Man kommt oft an den Punkt,
da weiß man nicht weiter“

Wie motivierst du dich während des Schreibens?
Gegen Endes des Romans fühle ich mich meist wie ein Muli in der Wüste, das ein Wasserloch wittert. Und dann galoppiere ich los, der Roman will fertig werden und mein Tagespensum steigert sich deutlich. Ansonsten: Manchmal läuft es besser, manchmal schlechter. Man kommt oft an den Punkt, da weiß man nicht weiter. Wie soll es weitergehen, wie soll sich die Figur entwickeln? Dann schlafe ich eine Nacht darüber und lege mir einen Block auf den Nachttisch. Am nächsten Morgen habe ich oft die Lösung, das ist irgendwie magisch. Natürlich handelt es sich dabei um unterbewusste Gedankengänge, aber es kommt mir manchmal so vor, als existierten die Geschichten längst und wären genauso tatsächlich passiert und ich lege sie nur Schritt für Schritt frei. Ich glaube, die Welt ist voll mit Geschichten, die nur darauf warten, dass jemand sie aufschreibt.

Signierstunde

Signieren nach einer Lesung: Glücksmomente im Leben einer Autorin (Foto: Daniel Culmann)

Was sind für dich als Autorin die großen Glücksmomente?
Der Applaus nach der Lesung ist immer besonders toll. Und wenn dann die Leute Schlange stehen, um sich das Buch signieren zu lassen. Ich freue mich, wenn Jemand eine bestimmte Stellen aus dem Roman erwähnt, die ihn besonders angesprochen hat. Dann merke ich, dass das, was ich vermitteln wollte, auch wirklich angekommen ist. Neben Gefühlen geht es auch um Lebenseinstellungen, Zusammenhänge, Fragestellungen, um Themen wie Aufbruch, Weggehen, Heimat. Manchmal bekomme ich Leserbriefe, das ist auch meistens sehr schön.

Du bekommst außerordentlich gutes Feedback auf Portalen wie Amazon. Wie erklärst du dir das? Liegt es daran, dass du die Menschen emotional abholst?“
Ich denke, das liegt einerseits daran, dass ich ehrlich bin. Andererseits: Nicht alles im Leben hat ein Happy End, aber am Ende eines Romans möchte ich meinen Lesern einen schönen Abschluss schenken. Mir ist bewusst, dass ein Happy End-Roman öfter in der Schund-Ecke landet als einer, in dem sich die Figuren ihre Stirn wundreiben an den gesellschaftlichen Verhältnissen. Aber ich freue mich mehr, wenn ich meinen Lesern einfach ein gutes Gefühl vermitteln kann.

Kannst du dir vorstellen, auch noch anderweitig tätig zu werden? Schriftsteller-Workshops zu geben beispielsweise?
Grundsätzlich bin ich offen für Aufträge aller Art. Momentan sind die Auflagen und Verkäufe meiner Romane ganz gut, so dass ich mich darauf voll konzentrieren kann. Gerade reift das Exposé für einen Roman, der 2017 erscheinen soll.

„Das Schreiben über Gefühle
ist genau mein Ding“

Wirst du jetzt weiter Liebesromane schreiben oder hast du Angst, dass du aus der Schublade nicht mehr herauskommst?
Ich war vor vielen Jahren in Hamburg bei einer Beraterin, die sich meine bisherigen Werke anguckte und daraufhin entsetzt feststellte: „Sie haben ja gar kein richtiges Autorenprofil!“. Dass ich nun in einer Schublade bin, kann also auch ein Vorteil sein. Und ich muss zugeben, dass das Schreiben über Gefühle genau mein Ding ist. Ich möchte aber nicht ausschließen, dass ich nicht doch einmal über etwas anderes schreiben werde.

Sylvia, vielen lieben Dank für das offene Gespräch!

Das Gespräch führte Ertay Hayit


Romanautorin Sylvia Lott

(Foto: Daniel Culmann)

Sylvia Lott, Jahrgang 1955, stammt aus Ostfriesland und wuchs im Ammerland auf.

Sie volontierte bei der Nordwest-Zeitung in Oldenburg und arbeitete danach als Lokalredakteurin. In Münster studierte sie Publizistik, Germanistik und Kunstgeschichte. Ihr Studium schloss sie mit einer Dissertation über Frauenzeitschriften im Dritten Reich und der Nachkriegszeit ab.

Sylvia Lott lebt und arbeitet in Hamburg, wo sie seit vielen Jahren als freie Journalistin für verschiedene Frauen-, Reise- und Lifestyle-Zeitschriften tätig ist. Außerdem hat sie ein Dutzend Bücher verfasst, zum Teil unter Pseudonymen.

Seit dem Erscheinen ihrer Familien-Sagas „Die Rose von Darjeeling“ (2013) und „Die Glücksbäckerin von Long Island“ (2014) im Verlag Blanvalet widmet sie sich verstärkt dem Romanschreiben

www.facebook.com/Sylvialott.romane

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Ertay Hayit

Autor: Ertay Hayit

Ertay Hayit, Jahrgang 1954, studierte Kommunikationswissenschaften. Er ist Journalist, Verleger und Geschäftsführer einer Werbeagentur und PR-Agentur in Köln. Mehrere hundert Sach- und Ratgeberbücher hat er als Herausgeber oder Verleger betreut. Ungezählt seine Artikel und Beiträge für Zeitschriften oder in den letzten 15 Jahren für Webmagazine. Als Chefredakteur und Verleger betreut er unter anderem diverse Internet-Magazine.

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